Auf dem russischen Friedhof Tegel in Berlin befindet sich ein bescheidenes Grab mit der einzigen Inschrift auf Deutsch: Tatjana. Nur wenige Besucher wissen, dass hier die herausragende Sängerin und Schauspielerin Tatjana Ivanowa ruht, die einst als "First Lady der Musik Deutschlands" bezeichnet wurde, bewundert für ihre Schönheit und ihr Talent. Ihr Vater war ein weißer Offizier, ihre Mutter eine Opernsängerin. Vor der Revolution lebte die Familie in Petersburg, nach der Oktoberrevolution zog sie nach Deutschland, wo Tatjana 1925 geboren wurde. Die Eltern hielten an russischen Traditionen fest: Zu Hause wurde nur Russisch gesprochen, russische Feste gefeiert und russische Lieder gehört. Von klein auf zeigte das Mädchen kreative Fähigkeiten und begann, im Theater aufzutreten. Ihre Karriere nahm Ende der 1950er Jahre Fahrt auf, als Musicals weltweit populär wurden. Die ältere Generation erinnert sich noch an ihre eindrucksvollen Auftritte im Stück "Hallo, Dolly!".
Tatjana kombinierte Theaterauftritte mit Filmarbeit, doch Hauptrollen auf der Leinwand blieben ihr verwehrt. Eine neue Phase in ihrer Karriere begann Ende der 1960er Jahre, als sie eine Single mit russischen Liedern veröffentlichte und anschließend zusammen mit Ivan Rebrov, Dunja Reiter und dem Ensemble "Troika" eine Platte mit russischem Repertoire herausbrachte. Die Platte erschien in zwei Versionen: Für Westdeutschland wurden die Lieder auf Russisch und Deutsch aufgenommen, während die italienische Auflage nur Lieder auf Russisch enthielt. Nach dem Album "Slawische Seele" folgten drei weitere Soloalben: "Im alten Moskau", "Er heißt Anatol", "Russische und Zigeunerlieder". Diese Platten gelangten über diplomatische Post und das Gepäck sowjetischer Künstler und Sportler heimlich in die UdSSR. In den 1960er und 1970er Jahren war die Popularität von Tatjana Ivanowa mit der Bekanntheit von Boris Rubaschkin, Ivan Rebrov und Viktor Klimenko vergleichbar.
Tatjana war dreimal verheiratet. Aus ihrer ersten Ehe mit dem Schauspieler Wilfried Seyfert ging ihr Sohn Andreas hervor, der ebenfalls Schauspieler wurde. Zum zweiten Mal heiratete sie 1959 den Gert Fröbe, bekannt aus der Rolle des Goldfinger im James-Bond-Film. Gert adoptierte ihren Sohn Andreas. 1975 heiratete sie zum dritten Mal den Filmproduzenten Walter Koppel. Kurz vor der Hochzeit wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Tatjana kämpfte tapfer gegen die Krankheit und trat weiterhin auf. Eine ihrer letzten Rollen war Mama Rosa im Musical "Die Zigeuner", wo sie im Finale weinte, und das Publikum ahnte nicht, dass die Tränen echt waren. Nach ihrem Tod erinnerte sich Walter Koppel daran, dass Tatjana trotz der Amputation der Brust bereits sechs Wochen nach der Operation wieder auf die Bühne zurückkehrte. Sie war unglaublich widerstandsfähig und fuhr oft nach den morgendlichen Behandlungen in der Klinik Hamburg zu Theaterproben in Münster und trat abends auf der Bühne auf. Ihr Tourneeplan war bis Ende 1980 ausgebucht. Aufgrund starker Schmerzen sagte sie die Tournee nach Leningrad ab und wurde dringend in Hamburg ins Krankenhaus eingeliefert, von wo aus sie nicht mehr zurückkehrte.
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